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Risikogruppen bei vegetarischer Ernährung

Vegetarismus ist geschichtlich gesehen ein alter Hut, war aber in Europa bis vor Kurzem noch nicht sehr weit verbreitet. Heutzutage kann man die fleischlose Ernährung jedoch schon fast als „Trend“ bezeichnen – immer mehr Menschen verzichten auf Fleisch und andere tierische Produkte. Manche, weil es einfach „in“ ist oder sie dadurch abnehmen wollen, andere im Glauben, sich selbst und den Tieren damit etwas Gutes tun zu können.

Es stimmt, dass der übertriebene Fleischkonsum in der modernen westlichen Welt eine der Ursachen für Wohlstandskrankheiten wie Übergewicht, Gicht und Diabetes ist. Aber ist der komplette Verzicht auf tierische Produkte wirklich so viel gesünder? Natürlich muss es keine negativen Nebenwirkungen haben, wenn der vegetarische Speiseplan gut durchdacht wurde und alles abdeckt, was nicht mehr durch tierische Nahrung aufgenommen wird. Dies ist jedoch leichter gesagt als getan. Außerdem ist vegetarische und vegane Ernährung nicht für jeden Menschen gleichermaßen empfehlenswert, auch wenn manche aktuelle Presseartikel einen das glauben lassen wollen. Aber wir Menschen sind nicht alle gleich. Dies gilt auch für die Ernährung – was den einen gut tut, kann für die anderen eine fatale Fehlernährung sein.

Es gibt Bevölkerungsgruppen, die für die möglichen schädigenden Auswirkungen der fleischlosen Kost deutlich anfälliger sind als andere. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass ein ausgewachsener, gesunder Mann die wenigsten Risiken eingeht, wenn er sich für eine hauptsächlich pflanzliche Ernährung entscheidet. Gleichzeitig hat diese Bevölkerungsgruppe auch die größten Vorteile von einer vegetarischen Ernährung, da hierdurch das Risiko für bestimmte, „männertypische“ Todesursachen wie Schlaganfälle drastischer sinkt als bei fleischlos lebenden Frauen. Aber auch, wenn Sie keiner Risikogruppe angehören, ist eine vegetarische Lebensweise nur dann gesund, wenn sie tatsächlich den Bedarf Ihres Körpers abdecken kann. „Puddingvegetarier“, die einfach das Fleisch weglassen und sonst nichts an ihrer Lebensweise ändern, vielleicht auch noch häufig Fast Food und Süßigkeiten konsumieren, profitieren in keinster Weise von diesem Ernährungsstil. Die gesundheitlichen Vorteile des vegetarischen Lebens haben schließlich nicht primär etwas mit dem Weglassen des Fleisches, sondern der allgemein gesünderen Lebensweise zu tun, die viel Sport beinhaltet und weitesgehend auf Genussgifte wie Alkohol und Zucker verzichtet.

Vegane Mahlzeit

Vegane Mahlzeit ©iStockphoto/AntiGerasim

Generell muss ebenfalls zwischen den verschiedenen Formen des Vegetarismus unterschieden werden. Die Risiken auf Mangelerscheinungen nehmen natürlich zu, auf je mehr Lebensmittel verzichtet wird, denn jedes weggelassene Lebensmittel erhöht die Einseitigkeit der Ernährung. Der Verzicht auf Fleisch allein ist wesentlich unproblematischer, als wenn auch noch Fisch, Milch, Eier und Honig hinzukommen. Rein vegane Ernährung birgt die mit Abstand größten Risiken.

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Kinder

Kinder müssen wachsen. Ihre Körper sind noch in der Entwicklung, innerlich wie äußerlich. Aus diesem Grund haben Kinder einen erhöhten Bedarf an Nährstoffen aller Art und reagieren auf Mangelerscheinungen deutlich empfindlicher als Erwachsene.

Eine vegane Ernährung ist für Kinder jeden Alters ungeeignet. Dies wurde bereits nachgewiesen, da hierbei zu viele Stoffe wegfallen, die auf anderem Wege nicht ausreichend ersetzt werden können. Eine ovo-lacto-vegetarische Ernährung – also ohne Fleisch und Fisch, aber mit Milchprodukten, Eiern und Honig – hingegen ist machbar. Sie muss aber sorgsam geplant und umgesetzt werden, damit das Kind alles hat, was es braucht. Dies gilt besonders für Mädchen nach dem Einsetzen der Menstruation, da diese besonders viel Eisen brauchen und die wichtigste Eisenquelle durch den Verzicht auf Fleisch wegfällt.

Doch wenn Ihr Kind von sich aus mit dem Wunsch zu Ihnen kommt, kein Fleisch und keinen Fisch mehr essen zu wollen, so muss dies bei einer ansonsten ausgewogenen Ernährung keine gesundheitsschädigenden Konsequenzen haben. Alles, was über den Fleischverzicht hinausgeht, birgt jedoch nicht zu unterschätzende Gefahren. Milchprodukte beispielsweise helfen, einem Kalziummangel vorzubeugen, der gerade in der Pubertät unerwünschte Folgen haben kann. Kalzium wird in dieser Lebensphase für die Bildung neuer Knochensubstanz benötigt.

Wichtig ist, dass Sie Ihrem Kind keine Ernährungsform aufzwingen, deren Folgen es noch gar nicht abschätzen kann. Mag sein, dass Sie ein Vegetarier sind und damit seit Jahren gut leben, aber das bedeutet noch lange nicht, dass diese Lebensweise auch für Ihre Kinder optimal ist. Sie sollten Ihre Kinder grundsätzlich nicht von tierischen Produkten fernhalten, es sei denn, sie sind schon fast erwachsen und wünschen es selbst so. Kinder vor und während der Pubertät jedoch befinden sich mitten im Wachstum. Damit dieser nicht negativ beeinflusst wird, sollte die Ernährung so vielseitig wie nur irgend möglich sein.

Wenn Kinder ausschließlich vegetarisch oder gar vegan ernährt werden, kann es zu Schäden kommen, die teilweise nie wieder rückgängig gemacht werden können. Mögliche Folgen sind Blutarmut, Schilddrüsenunterfunktion und Wachstumsverzögerungen. Im schlimmsten Fall entwickelt sich das Gehirn nicht optimal; dies wiederum beeinträchtigt die Intelligenz und das Erlernen der Muttersprache. Gönnen Sie Ihren kleinen Kindern also wenigstens ab und zu Milchprodukte, Eier, Fleisch und Fisch, auch wenn Sie selbst überzeugter Vegetarier oder Veganer sind. Wenn Sie diese Produkte nicht im Haus haben wollen, können Sie Ihr Kind ja in der Schulküche mitessen lassen. Es muss auf jeden Fall darauf geachtet werden, dass das Kind genügend B12, Eisen, Zink und Jod zu sich nimmt, denn dies sind die häufigsten und schwerwiegendsten Mangelerscheinungen bei einer fleischlosen Ernährung.

Schwangere und stillende Frauen

Das Ausklammern tierischer Produkte kann schädliche Auswirkungen haben – in diesem Fall jedoch mehr für das Kind als für die Mutter, da die Mutter ihre eventuell noch gar nicht entdeckten Mangelerscheinungen an das Kind weitergibt, welches darunter viel stärker leidet als ein Erwachsener. Dies gilt besonders, wenn die Mutter Veganerin ist. Je mehr Lebensmittel weggelassen werden, desto größer ist die Gefahr, dass die Muttermilch nicht genug Nährstoffe für das Neugeborene enthält. Insbesondere sinkt bei dieser Ernährungsform der Anteil an Lactose, Energie, Protein und Fett in der Milch, wodurch das Baby selbst bei einer ausreichenden Stillung Mangelerscheinungen erleiden kann, sofern seine Ernährung nur aus der Muttermilch besteht.

Die Folgen können zwischen kaum wahrnehmbar und lebensgefährlich variieren; bei einer zu starken Unterversorgung kann der Säugling nicht richtig wachsen, trägt schwere neurologische Schäden davon und ist empfindlich gegen Infekte aller Art. Aus diesem Grund ist auch Sojamilch nicht als Babynahrung geeignet – sie kann Kuhmilch in keinster Weise ersetzen. Gleiches gilt für alle anderen vegetarischen Milchersatzprodukte, zum Beispiel auf Basis von Mandeln oder Reis. Pflanzliche Milch kann die Bedürfnisse eines Neugeborenen nicht befriedigen und sollte niemals ohne ausdrückliche Erlaubnis eines Arztes als Ersatz für Mutter- oder tierische Milch genutzt werden.

Probleme können jedoch schon in der Schwangerschaft selbst auftreten. Zumindest dann, wenn die vegetarisch lebende Mutter sich nicht ausgewogen genug ernährt, um sowohl sich selbst, als auch das heranwachsende Kind versorgen zu können. Schon im Mutterleib kann es zu Mängeln und daraus resultierenden Wachstumsstörungen kommen, was sowohl Körpergröße und Gewicht, als auch die Entwicklung der inneren Organe des Kindes negativ beeinflusst.

Der „Gelegenheits-Vegetarier“ als risikoärmere Alternative

Vegetarische Ernährung muss die Gesundheit nicht schädigen, ist aber mit Vorsicht zu genießen. Als Interessent sollte man schon lange vor der Ernährungsumstellung wissen, ob der Körper ausreichend versorgt wird. Manche Krankheiten, zum Teil angeboren, erschweren dem Körper schon unter normalen Umstände die Aufnahme bestimmter Nährstoffe. Leidet Ihr Körper schon bei einer für unsere Breitengrade üblichen Ernährung unter einem Eisen-, Eiweiß-, B2-, B12-, Kalzium-, Jod-, Vitamin D oder Omega-3-Mangel, so sollten Sie um Ihrer Gesundheit Willen lieber nicht komplett auf tierische Produkte verzichten. Die gesundheitlichen Vorteile einer fleischlosen Ernährung wiegen in diesen Fällen die Nachteile nicht auf.

Wenn ein Verzicht auf tierische Produkte zu ernsten Problemen führen könnte, gibt es immer noch die Alternative, den Fleischgenuss nicht aufzugeben, sondern lediglich stark einzuschränken. Anstatt regelmäßig billiges Fleisch aus Massentierhaltung zu verzehren, können Sie den Konsum tierischer Produkte zum Beispiel auf einen Tag pro Woche oder auf eine geringe Menge pro Woche einschränken. Das bietet zudem den Vorteil, dass Sie das eingesparte Geld einsetzen können, um Fleisch aus Bio-Anbau zu kaufen. Dies ist zwar teurer, aber auch hochwertiger als das oftmals verwässerte oder aus Schlachtabfällen zusammengeklebte Fleisch aus dem Discounter. Wenn Sie auf dem Land leben, können Sie Eier und Milch von Bauern aus Ihrer Nähe kaufen und sich dabei selbst davon überzeugen, dass die Kühe und Hühner auf den Höfen ein artgerechtes Leben führen dürfen. Vielleicht finden Sie sogar einen Imker in Ihrer Nachbarschaft.

Statt tierische Produkte komplett zu streichen, unterstützen Sie als Angehöriger der Risikogruppen lieber die Biobauern bei ihrem mutigen Versuch, gegen die grausame Massentierhaltung anzukommen. Nehmen Sie weniger Fleisch zu sich, dafür aber aus artgerechter Haltung. Bereiten Sie an den verbliebenen Fleisch-Tagen einen Festschmaus zu, der intensiv genossen werden darf. Essen Sie es ganz bewusst und behalten Sie sich im Hinterkopf, dass es etwas Besonderes ist. Fleisch schmeckt sowieso viel besser, wenn es nicht zur schnöden Alltagsnahrung verkommt. Auf diese Art können Sie etwas gegen die Massentierhaltung tun, ohne dabei Ihre eigene Gesundheit riskieren zu müssen. Inzwischen gehen viele Wissenschaftler davon aus, dass „Gelegenheits-Vegetarier“, also diejenigen, die sich hauptsächlich pflanzlich ernähren und trotzdem einen kleinen Anteil tierischer Produkte zu sich nehmen, die gesündesten Menschen sind.

Wenn Sie trotz eines erhöhten Risikos aus moralischen Gründen auf Fleisch verzichten möchten, sprechen Sie sich unbedingt mit Ihrem Arzt ab, bevor Sie Ihre Ernährungsweise ändern. Lassen Sie tierische Produkte nicht einfach weg, ohne nach Möglichkeiten gesucht zu haben, die dabei zu kurz kommenden Vitamine und Spurenelemente auf pflanzlicher Basis zu ersetzen. Nahrungsergänzungsmittel sollten hierbei nur eine Notlösung sein. Doch wenn Sie anders einem Mangel nicht vorbeugen können, sind sie unverzichtbar. Im Falle einer veganen Ernährung geht die Wissenschaft derzeit davon aus, dass ohne die künstliche Zufuhr von B12 ein Mangel dieses wichtigen Vitamins überhaupt nicht verhindert werden kann.

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