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Anständig essen: Ein Selbstversuch – Rezension

Günstig und gut – so soll das Fleisch für den Verbraucher sein. Aber vor allem günstig! Dass dies nicht immer realisierbar ist und im Herstellungsprozess Abstriche gemacht werden müssen, um den gewünscht niedrigen Preis halten zu können, ist dabei für den Verbraucher eher zweitrangig.

Kaum ein Monat ohne neue Skandalmeldungen – Gammelfleisch, gequälte Masthühner, BSE. In den Medien treffen wirtschafts- und biopolitische Interessen aufeinander und der Konsument ist irritiert, greift dennoch egoistisch weiter zu Produkten aus der Massentierhaltung.

Auch Karen Duve, Autorin des Sachbuchs „Anständig essen – Ein Selbstversuch“ aus dem Jahr 2010, gönnte sich gern mal eine Hähnchenpfanne. Diese konnte sie für den unschlagbaren Preis von 2,99€ erwerben. Dass dabei ein Lebewesen gnadenlos ausgebeutet und ein qualvolles kurzes Leben hatte, bevor es letztendlich in Einzelteile zerlegt und in den Handel kam, hatte ihr Bewusstsein bis dato nur peripher wahrgenommen. Doch als sie wieder mal im REWE zu diesem Produkt griff, meldete sich ihr Gewissen, Jiminy die Grille aus Pinocchio, zu Wort und kritisierte ihre Auswahl. Jiminy war in diesem Fall nicht wirklich eine Grille, sondern Duves neue Mitbewohnerin Kerstin.

Bis zu dem Tag, wie Karen Duve es sagt, wo sie „beschloss ein besserer Mensch zu werden“, war ihre Welt in Ordnung. Nun erkannte sie, dass sie wahrlich eine naive und ignorante Holzpuppe war, die der mächtigen Fleischlobby unterstand.

Anständig essen

Anständig essen Foto: Goldmann Verlag

Nachdem sich die Autorin, zu Anfang des Buches, mit ihren eigenen Essgewohnheiten (z.B. viel Fett und Fleisch) auseinandersetzt, beginnt sie zu recherchieren und wird mit Themen wie Massentierhaltung, Tierleid und Fleischkonsum konfrontiert. Sie beschließt einen Selbstversuch zu starten, der von ihrem Hausarzt überwacht werden soll. Hierbei probiert Duve verschiedene Ernährungsweisen aus, die sie jeweils zwei Monate durchführt und deren Ergebnisse sie tagebuchartig festhält. Der Leser bekommt durch diese Form der Niederschrift einen besonders guten Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt der Autorin und kann in vielen Situationen mit ihr fühlen z.B. wenn sie auf einem Grillabend kritisch beäugt wird, weil sie kein Fleisch zu sich nimmt und anderen die Lust am Grillen raubt.

Das Inhaltsverzeichnis des Buchs ist nach Monaten geordnet. Der Einfachheit halber kann man den Selbstversuch der Autorin in vier Phasen unterteilen.

Phase 1:

In den ersten zwei Monaten stellt die Autorin ihre Ernährung komplett auf Bio-Lebensmittel um. Sie stellt dabei fest, dass diese etwas teurer als die normalen Lebensmittel sind. Aber schon nach kurzer Zeit findet sie für jedes normale Lebensmittel eine passable Bio-Version. In dieser Phase stellt für die Autorin besonders der Verzicht auf Coca-Cola eine große Überwindung dar. Obwohl Cola, wie sie feststellt, komplett chemisch ist und kein Tier unter einem qualvollen Leben und einer Schlachtung leiden muss, verzichtet Duve auf Cola, da einige Lebensmittel in Entwicklungsländern unter sehr schlechten Arbeitsbedingungen hergestellt werden.

Phase 2:

Nachdem Duve feststellt, dass auch Biotiere nicht immer artgerecht gehalten werden und in Mastbetrieben ein kümmerliches Leben haben, beschließt sie für zwei Monate auf Fleisch zu verzichten und vegetarisch zu leben. Fiel es ihr zuvor noch leicht sich auf Biolebensmittel umzustellen, so wird der Versuch vegetarisch zu leben für sie zu einer kleinen Herausforderung. Als Duve allerdings weiter in die Materie eintaucht, beginnt sie festzustellen, dass der Verzicht auf Fleisch zwei große Vorteile mit sich bringt. Zum einen verursacht die Massentierhaltung mehr Emissionen als der Autoverkehr und zum anderen werden viele Lebensmittel an Tiere verfüttert, die, bei einer vegetarischen Ernährung, mehr Menschen auf der Erde zukommen könnten.

Phase 3:

Im weiteren Verlauf ihres Selbstversuchs verzichtet Duve auf jegliche tierische Produkte und ernährt sich komplett vegan. Sie kauft nun nur noch in Bio-Läden und Reformhäusern ein und beschäftigt sich mehr und mehr mit der Auswirkung von tierischen Produkten auf den Körper. Ihr Arzt beobachtet sehr positive Auswirkungen dieser Ernährungsweise, denn Duves Cholesterinspiegel, Leber und Nieren weisen viel bessere Werte auf. Die Autorin trennt sich auch von Kleidungsstücken, die aus Leder sind, und verzichtet auf bestimmte Kosmetikprodukte. Im letzten Monat dieser Phase, die sogar von zwei auf vier Monate erhöht wurde, führt sie Interviews mit Tierrechtlern und schließt sich selbst einer Tierschutzorganisation an.

Phase 4:

In den letzten zwei Monaten ihres Versuch, setzt sich Duve mit dem Speziesismus auseinander und wird zur Frutarierin. Sie nimmt dabei nur noch Lebensmittel zu sich, die Pflanzen nicht verletzten oder töten. Da dies im Wesentlichen Nüsse und Äpfel sind, geht es Duve in der letzten Zeit ihres Versuchs gesundheitlich schlecht.

Nach ihrem Experiment zieht Duve verschiedene Schlussfolgerungen für sich, die zeigen, dass sie nicht nur ihre Ernährung, sondern auch ihre Einstellung grundlegend verändert hat. Sie beschließt von nun an auf Fleisch aus Massentierhaltung zu verzichten und ihren Fleisch-, Milch- und Fischverbrauch um 90% zu verringern. Zudem will sie nur noch in Bio-Läden einkaufen, auf Lederprodukte verzichten und ihren Konsum generell einschränken.

Es ist fraglich, ob sich der Leser diese Ausführungen derart zu Herzen nimmt wie die Autorin, und sich nach dem Lesen grundlegend ändern kann. Duve schafft es in ihrem Sachbuch die allgemeine Unwissenheit über die Massentierhaltung verschwinden zu lassen und den Leser Handlungsalternativen aufzuzeigen. Die Autorin wirkt hierbei an keiner Stelle wie eine Lehrerin, die den Leser mit erhobenden Zeigefinger ermahnt und zu einer grundlegenden Ernährungsänderung nötigt.

In den verschiedenen Phasen ihres Versuchs demonstriert sie sehr engagiert die verschiedenen Ernährungsweisen und führt Vor- und Nachteile dieser auf, ohne direkt eine Wertung abzugeben und zu favorisieren.

Duve versteht es, innerhalb ihrer Ausführungen, dem Leser einen Spiegel vor das Gesicht zu halten und zum Nachdenken anzuregen. Man beginnt sein eigenes Konsumverhalten zu reflektieren und einen Lösungsweg zu finden. Da die Autorin sehr detailliert beschreibt, wie sie in die Materie eintaucht, und sich nicht selbst von Anfang an, als allwissenden Biopolitiker präsentiert, wirkt sie sehr authentisch und der Leser kann sich mit ihr identifizieren.

Die tagebuchartige Schreibweise erlaubt nicht nur direkte Einblicke in die Gedanken und das Gefühlsleben der Autorin, sondern ermöglichen dem Leser auch das Buch vergnüglich zu lesen und in den Alltag der Protagonistin einzutauchen. Unweigerlich kommen dem Leser, nach der ein oder anderen eindringlichen Beschreibung, Fragen auf, die er für sich selbst beantworten muss. Die Autorin versteht es, durch ihre sehr bildhaften Beschreibungen, eine Vorstellung über das Leben der Tiere „die an finsteren Orten wochen- und monatelang leiden“ zu konzipieren. Im Leser wird Mitgefühl erregt und er kommt zum Nachdenken. Darf ich Tiere essen? Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich billiges Fleisch kaufe? Welche Tierhaltung ist moralisch und ethisch vertretbar?

Die Autorin entwickelt sich in ihrem Selbstversuch von der hölzernen Verbraucherin, wie es auch der Leser/in sein könnte, zur verantwortungsbewussten Konsumentin, die ohne schlechtes Gewissen und Zweifeln leben kann. Am Ende findet sie für sich einen realistischen Kompromiss, während sie dem Leser eine eigene Lösung des Konflikts offen lässt.

Duve schafft es in ihrem Buch die Leser mitzureißen und nicht nur zum Nachdenken anzuregen, sondern auch zum Schmunzeln zu bringen. Sie schreibt mit einer großartigen Ironie, stellenweise fast schon Sarkasmus, der das Lesen zu einem großen Vergnügen macht und das ernste Thema ein wenig auflockert. Trotz dieser Art des Humors, die sicher nicht für jeden Leser als angebracht und verständlich erscheint, zieht sie das Thema nie ins Lächerliche und behält stets den nötigen Ernst. Dabei lernt man, durch die Recherchen der Autorin, noch einiges dazu und saugt nebenbei zahllose Fakten auf und ist nach dem Lesen des Buchs nicht nur aufgeklärter, sondern auch klüger.

Das Buch ist ganz und gar keine Anleitung zur Rettung des Welt. Es zeigt dem Leser, dass schon kleine Änderungen bei alltäglichen Konsumentscheidungen und ein wenig mehr Empathie, große Veränderungen hervorrufen können. Duves Buch ist auf ganzer Linie lesenswert und animiert dazu sein eigenes Leben nachhaltig zum Positiven zu verändern.

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