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Was ist eigentlich Slow Food?

Essen im Zeichen der Schnecke

Nein, die Weinbergschnecke im Logo der „Slow Food“-Bewegung bedeutet nicht, dass es sich um eine Vereinigung von Schneckenzüchtern handelt. Die Schnecke ist vielmehr das Symbol für die Langsamkeit, durch die die Nahrungszubereitung und –aufnahme erst zum Genuss wird. „Slow Food“ heißt wörtlich übersetzt langsames Essen, dahinter steckt aber noch einiges mehr. Aus einer auf den ersten Blick einfachen Idee wurde eine weltweite Bewegung, die alle Bereiche der Nahrungsproduktion betrachtet und die die Philosophie der Langsamkeit zur Grundlage einer höheren Lebensqualität macht.

Die Anfänge

Ihren Anfang nahm die Non-Profit-Organisation in Italien. Im Jahr 1986 tat sich Carlo Petrini aus dem piemontesischen Bra mit einigen Freunden zusammen und gründete in den Weinbergen des Barolo – daher auch die Affinität zur Weinbergschnecke – einen Zusammenschluss, der als Gegengewicht zu einem unerfreulichen Trend in der Nahrungsmittelindustrie gedacht war: die massenhafte Verbreitung von Fast Food. Anlass zur Sorge gab Petrini und seinen Mitstreitern die Eröffnung einer Filiale von McDonald’s direkt an der Spanischen Treppe in Rom. Als drei Jahre nach dem ersten Treffen aus dem losen Verband engagierter Freunde offiziell die Organisation „Slow Food“ wurde, waren bereits hunderte Anhänger des Konzepts aus aller Welt bei der Gründungsfeier mit dabei.

Erfolgsgeschichte

Heute ist die Bewegung ein weltweites Netzwerk in mehr als 150 Ländern. Die meisten Mitglieder kommen aus Europa und Nordamerika. Die Organisation mit ihrem Anspruch auf Langsamkeit und der Besinnung auf regionale Werte ist, so paradox das scheinen mag, zum globalen Phänomen geworden. Denn in vielen Ländern sind immer mehr Menschen unzufrieden mit standardisiertem, hektischem Essen und generell mit einem Lebensstil im Höchsttempo.

Slow Food

Slow Food ©iStockphoto/style-photographs

Die Zahlen sind beeindruckend: Die ca. 100.000 Mitglieder des Netzwerks sind in 1.500 lokalen Gruppen, so genannten Convivien, aktiv. Sie organisieren jährlich mehr als 5.000 Initiativen, betreiben 350 Schulgärten in rund 100 Ländern und bieten ca. 1.300 Veranstaltungen im Bereich des Ernährungswissens an.

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Die Philosophie

Für die Bewegung steht beim Essen und Trinken der Genuss im Mittelpunkt. Auf ihn habe jeder Mensch ein Recht, so der Grundgedanke der Anhänger des Konzepts. Um die ökologische, regionale und geschmackliche Qualität zu erreichen, die den Genuss beim Essen ausmacht, braucht es Zeit. Und: Geschmack ist nicht nur Geschmackssache. Was wir als gut und genussvoll empfinden, ist für jeden von uns auch kulturell, gesellschaftlich oder ökonomisch geprägt. Auch das will das Netzwerk berücksichtigen.

Was echtes Slow Food ausmacht, definierte der Gründer und internationale Vorsitzende des Netzwerks Carlo Petrini im Jahr 2006 so: Buono, pulito e giusto, also gut, sauber und gerecht. Um das zu erreichen, ist es nötig, lokale Erzeuger zu unterstützen, Tiere und Pflanzen zu schützen und handwerkliche Produktionsmethoden zu erhalten. Deshalb versteht sich die Bewegung als Lobbyist für Geschmack, für regionale und ökologische Landwirtschaft, für den Erhalt der Vielfalt von Tierrassen und Pflanzensorten und als Unterstützer unterschiedlicher kulinarischer Kulturen.

Aktivitäten

Die Grundsätze der Bewegung erscheinen auf den ersten Blick einfach. Ihre Anhänger wollen traditionelle Essenskulturen pflegen, die Umwelt schützen, das Lebensmittelhandwerk unterstützen und Lebensmittel nach traditionellen Methoden verarbeiten. In einer globalisierten Welt, in der Arbeitsteilung die Regel ist und Warenströme für den Endverbraucher undurchschaubar geworden sind, ist aber gerade das Einfache oft schwer zu erreichen. Konkrete Maßnahmen sind nötig, um die Basis von Genuss, nämlich Qualität, zu unterstützen.

Das Netzwerk setzt diese Maßnahmen mit Aktionen auf nationaler und internationaler Ebene um. So soll der Aufbau einer „Arche“ dazu dienen, lokale Nahrungsspezialitäten zu bewahren. In verschiedenen Projekten wird die Erhaltung regionaler Obst-, Gemüse- und Getreidesorten und die Züchtung regionaler Nutztierrassen unterstützt.

Besonders wichtig für das Netzwerk ist der Erhalt oder die Wiederbelebung von traditionellen Weiterverarbeitungsmethoden. Deshalb wurde 2004 in Pollenzo (Piemont) und Colorno (Parma) die weltweit erste „Universität für gastronomische Wissenschaften“ gegründet. Die Regionen Piemont und Emilia Romagna sind als Projektpartner dabei und unterstützen den Slow Food-Gedanken.

In Deutschland kooperiert das Netzwerk mit der „Deutschen Akademie für Kulinaristik“ in Bad Mergentheim. Sie verbindet – wie die Wortschöpfung Kulinaristik schon andeutet – die Praxis der Küche und des Kochens mit der Wissenschaft. Die Förderung der Bildung im Bereich Ernährungswissen und Ernährungskultur ist ein wichtiges Anliegen der Organisation für die Unterstützung des langsamen Essens.

Mit dem „Salon del Gusto“ in Turin bietet das Netzwerk Ausstellern aus Italien und dem Rest der Welt die Möglichkeit, die große Vielfalt regionaler Lebensmittel in ansprechendem Rahmen zu präsentieren. Der nächste Salon findet im Oktober 2014 statt, erstmals gemeinsam mit einer anderen Initiative der Organisation, nämlich mit „Terra Madre“. „Terra Madre“ ist ein offenes Netzwerk von Menschen und Organisationen, die sich gemeinsam den Prinzipien des lokalen Wirtschaftens und der verantwortungsvollen Produktionsmethoden verpflichtet haben. Die Partner in diesem Netzwerk wollen das Lebensmittelsystem von der Basis aus verändern und einen positiven Einfluss auf die globale Lebensmittelproduktion und den weltweiten Lebensmittelkonsum ausüben.

Das Prinzip des langsamen Essens im Alltag

Bei all den Initiativen der Organisation stellt sich die Frage, wie sich seine Prinzipien des bewussten, genussreichen und gerechten Konsumierens in den Alltag integrieren lassen. Denn dass mehr Genuss und etwas weniger Hektik die Lebensqualität für jeden von uns steigern würde, darüber besteht wohl kein Zweifel.

Man muss nicht unbedingt Mitglied im Netzwerk sein, um die Prinzipien der Bewegung in den eigenen Alltag zu integrieren, aber die Informationen und Initiativen des Vereins bieten dafür eine gute Hilfestellung. Mit ein bisschen Initiative lässt sich der eigene Konsum auf gesunde Lebensmittel umstellen, die aus der Region kommen und für die die Produzenten gerechte Preise bekommen. Wer aufmerksam die Presse verfolgt, weiß, welche Lebensmittel nicht nur in ihrer Erzeugung unserer Umwelt schaden, sondern auch unserer Gesundheit abträglich sind – und kann sie vermeiden.

Produkte aus artgerechter Tierhaltung oder aus biologischem Anbau zu bevorzugen, sich auch einmal mit einem Produzenten aus der näheren Umgebung zu unterhalten oder beim Einkauf kritisch nachzufragen, ob tausende Kilometer Transportweg für ein Lebensmittel wirklich nötig sind: Das sind simple Maßnahmen, mit denen die Prinzipien des bewussten Genusses im Alltag umgesetzt werden können.

Slow Food bedeutet vor allem, dass unser Essen kein Einheitsbrei sein soll. Regionale Besonderheiten sollen zu ihrem Recht kommen, lokale Spezialitäten sollen nicht hinter der Massenware von Konzernen verschwinden. Mit den richtigen Informationen, wie sie von der Organisation zur Verfügung gestellt werden, kann auch dieser Grundsatz täglich zur Anwendung kommen. Und besonders erfolgversprechend: kochen und essen mit Gleichgesinnten.

„Ich möchte die Geschichte einer Speise kennen. Ich möchte wissen, woher die Nahrung kommt. Ich stelle mir gerne die Hände derer vor, die das, was ich esse, angebaut, verarbeitet und gekocht haben“, sagt Carlo Petrini. Mit dieser gesunden Portion Neugier kann das bewusste Genießen umwelt- und sozialverträglicher Lebensmittel zur Selbstverständlichkeit für jede und jeden von uns werden – und ein ganzes System der mangelnden Transparenz und der Fehlinformationen ersetzen.

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