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Was sind Isoflavone?

Über manche Dinge haben verschiedene Instanzen strittige Ansichten. Dies gilt beispielsweise auch für die Isoflavone, auch Isoflavonoide genannt. Verschiedene Interessengruppen streiten sich über ihre Nützlichkeit, insbesondere wenn sie in Form von Nahrungsergänzung verabreicht werden. Ähnliche Bedenken hat man bereits mit zahlreichen anderen Dingen erlebt, beispielsweise mit der Homöopathie oder mit bestimmten Naturheilmitteln. Fakt ist: Solange man sich nicht intensiv mit den Interessen der jeweiligen Interessengruppe befasst, um ihre Motive für oder gegen etwas zu hinterfragen, hat man als Verbraucher kaum eine Chance auf ein gerechtes Urteil und eine stimmige Risikoeinschätzung. Da wir es bei den Isoflavonoiden mit natürlich vorkommenden Pflanzenfarbstoffen zu tun haben, die seit Jahrhunderten mitsamt der jeweiligen Pflanze verzehrt werden, sind kritische Anmerkungen zum Thema ohnehin mit Vorsicht zu genießen.

Von Natur aus enthalten

Im Grunde gehören die Isoflavonoide zu den Flavonoiden. Diese beschreiben sekundäre Pflanzenstoffe, die zunächst für die Pflanze selbst wichtig sind. Sie können beispielsweise schädliche Keime von der Pflanze abwehren. In verschiedenen Rotklee- oder Sojaarten, in Kichererbsen oder Schwertlilien, in Baumrinden von Pflaumenbäumen oder in Sandelholz finden sich verschiedene Isoflavonoide. Sie haben Namen wie Daidzein, Genistein, Prunetin, Biochanin A, Orobol, Santal, Pratensein oder Iridin, je nachdem, welcher Quelle sie entstammen. Auch die chemische Struktur der Isoflavonoide ist unterschiedlich. Man nennt diese Stoffe im Zusammenhang mit dem Menschen auch Phyto-Östrogene, weil sie eine schwache hormonelle Wirkung auf die Geschlechtshormone haben. Dadurch wurden sie seit den Siebzigerjahren vermehrt im Rahmen der Alternativmedizin für Verwendungen bei Wechseljahresbeschwerden, Hormonschwankungen oder Ähnlichem eingesetzt. Auch die Anti-Aging Medizin hat sich der Isoflavonoide bemächtigt. Außerdem ging man lange davon aus, dass diese Stoffe zur Vorbeugung gegen das Entstehen hormonabhängiger Krebserkrankungen – beispielsweise Brust- und Prostatakrebs – nützlich sein könnten. Sie schienen vollkommen gefahrlos zu sein. Frei verkäufliche Nahrungsergänzungsmittel mit Soja oder Rotklee-Isoflavonoiden standen bald in Reformhaus-, Apotheken- und Drogerieregalen.

Isoflavone in Pflanzen

Isoflavone in Pflanzen ©iStockphoto/ouchi_iro

Ein ewiges Streitthema: Die Nahrungsergänzung

Wenn man von den Isoflavonoiden spricht, kommt man nicht umhin, kurz das Streitthema „Nahrungsergänzung“ zu streifen. Wann immer deutsche Mediziner, Wissenschaftler oder Vertreter der pharmazeutischen Industrie sich gegen die Verwendung von Nahrungsergänzung mit isolierten Isoflavonoiden aussprechend, folgen sie zunächst vor allem wirtschaftlichen Interessen. Die Herstellung von Nahrungsergänzung obliegt nämlich nicht der Pharmaindustrie, sondern der Lebensmittelindustrie. Die mächtige Pharmaindustrie verdient daran nichts. Sie verwendet bisher keine Isoflavonoide in Medikamenten, weil angeblich die Wirkung solcher Stoffe umstritten ist. Wer aus Sicht dieser Instanzen zu viele isolierte Isoflavonoide als Nahrungsergänzung zu sich nimmt, gefährdet seine Gesundheit. Das ist aber aus mancher Perspektive widersinnig. Erstens nehmen wir diese Stoffe tagtäglich mit der Nahrung auf. Wenn diese ausgewogen zusammengestellt wird, passiert überhaupt nichts. Zweitens müsste niemand, der eine ausgewogene Nahrung zu sich nimmt, zusätzlich Nahrungsergänzung zuführen. Drittens sind es meistens ausgebildete Heilpraktiker oder Ernährungsmediziner, die einem Patienten Isoflavonoide verordnen – aufgrund eines erwiesenen Mangels oder eines Erkrankungszustandes, der nach heutigem Kenntnisstand durch Isoflavonoide gelindert werden kann. Und viertens sieht man das Problem auf medizinischer Ebene in den USA ganz anders. Hier wird mithilfe von Nahrungsergänzung viel häufiger therapiert als bei uns. Dass die deutschen Wissenschaftler eine positive Wirkung bisher nicht schlüssig beweisen konnten, bedeutet nicht unbedingt, dass diese nicht gegeben wäre. Viele Studien dieser Art werden zudem von der Pharmaindustrie finanziert. Ein Schelm, wer sich Böses dabei denkt. Trotzdem sollte man als mündiger Patient auch kritische Aussagen zur Kenntnis nehmen. Sie relativieren einiges, was an Wunderglaube über Nahrungsergänzung in den Medien verbreitet wird. Eine realistische Einschätzung dessen, was man seinem Organismus zuführt, ist auf jeden Fall sinnvoll.

Der Gesundheitswert von Isoflavonen

Unstrittig ist, dass der menschliche Organismus Stoffe besser verwertet, die an ihre natürliche Umgebung gebunden sind. Anscheinend sind Stoffe, die in Nahrungsmitteln natürlicherweise vorkommen, immer in größere Kontexte eingebunden. Ohne diese Boten- oder Begleitstoffe verlieren sie an Wirkung. Anders formuliert: Ihre Wirkung wird im Verbund mit anderen in der Natur enthaltenen Stoffen deutlich verbessert. Nun müsste man aber sehr viele Sojaprodukte verzehren, um den darin enthaltenen Isoflavonoiden eine Chance zu geben, Wirkung – zum Beispiel auf Wechseljahresbeschwerden – zu zeigen. Bei Wechseljahresproblemen kann man Hormonpräparate nehmen. Aber man kann sich auch der Phytohormone bedienen, die deutlich sanfter sind und weniger Nebenwirkungen haben. Beginnen kann man mit einer Ernährungsumstellung. Bevorzugt sollten jetzt isoflavonoidhaltige Sojaprodukte, wertvolle Getreidearten, frische Gemüsesorten und viel Obst gegessen werden. Die pflanzlichen Phyto-Östrogene liegen aber leider nur in wenigen verzehrfähigen Nahrungsmitteln hochdosiert vor. Gegen den massiven Verzehr von Sojaprodukten spricht, dass sie mit Aluminiumsalzen hergestellt werden. Diese bleiben in kleinen Spuren enthalten und könnten in höheren Anreicherungen bereits mit Schwermetallen belastete Menschen mit weiteren Schwermetallbelastungen gefährden. Bei isolierten Isoflavonen entfällt diese Gefahr. Aus der Erkenntnis, dass bei Frauen in Völkern, die viele Sojaprodukte verzehren, kaum Wechseljahresbeschwerden bekannt sind, entstanden letztlich auch die Nahrungsergänzungen auf Basis von Isoflavonoiden. Der Gesundheitswert von Isoflavonoiden ist nicht strittig. Es geht lediglich um die isolierte Form, wie sie in Kapselpräparaten vorliegt. Zu hohe Dosierungen können bei jedem Nahrungsergänzungsmittel oder Vitaminpräparate zu unerwünschten Wirkungen führen. Ähnliches gilt für Schokoladentafeln, Döner oder Chilibohnen aber auch. Nebenbei gesagt, wünscht man sich als gerechter Mensch, dass sich die genannten Interessengruppen ebenso über die hormonähnliche Wirkung von massenhaft in der Landwirtschaft eingesetzten Pestiziden aufregen würden. Hier werden die möglichen Gefahren von allen Instanzen schnell heruntergespielt. In Bezug auf die Nahrungsergänzung werden diese aber gerne hochgespielt. Selbst das „Bundesinstitut für Risikobewertung“ gibt zu, dass es bisher keine Langzeitstudien über die Gefahr oder Sicherheit von isoflavonhaltigen Präparaten gibt. Ohne diese sind aber abschließende Bewertungen über die Risiken und den Nutzwert von Isoflavonoiden überhaupt nicht möglich.

Gibt es Kombipräparate, die Isoflavonoide enthalten?

Nahrungsergänzungsmittel können durchaus gebundene Isoflavone enthalten, die mit anderen Naturstoffen kombiniert werden. Ein Beispiel ist die Kombination mit L-Carnitin zum Gewichtsverlust. Jahrelang wurden die Isoflavonoide seitens der Alternativmedizin als schonende Ersatztherapie bei Hormonbeschwerden verordnet. Nebenwirkungen wurden nicht bekannt. Auch die Schulmediziner empfahlen daher manchmal, auf solche Therapien auszuweichen. Nun ist es aber so, dass nicht verdaute und überschüssige Isoflavonoide im Darm zu Stoffen aufgespalten werden können, die starke statt schwache östrogene Wirkungen entfalten können. Bisher gibt es über die Nebenwirkungen von Isoflavonoiden nur Reagenzglas- und Tierstudien, die kaum Schlüsse auf den Menschen zulassen. Wichtig scheint es, den Östrogenspiegel bei regelmäßiger Einnahme von Isoflavonoiden prüfen zu lassen, um Gefahren auszuschließen. Außerdem kann man sein erbliches Brustkrebsrisiko feststellen lassen und im Falle einer höheren Gefährdung – beispielsweise durch genetische Vorbelastungen oder Erkrankungen im engsten Familienkreis – auf die Einnahme von isolierten Isoflavonoiden verzichten.

Wie sind denn nun Isoflavone einzuschätzen?

Isoflavonoide sind zunächst einmal wertvolle pflanzliche Inhaltsstoffe, die in unserem Organismus als schwach wirksame Phytohormone wirksam sind. Nicht alle essbaren Pflanzen produzieren diese Stoffe. Pflanzliche Östrogene setzt man in der Alternativmedizin erfolgreich als natürliches Hormon-Ersatzmittel ein. Eine der bedeutendsten Isoflavon-Quellen ist die Sojabohne. Anlass für Kritik gab die Wirksamkeit hoher Isoflavonoid-Dosen auf die Schilddrüse und die Vermutung, dass isolierte Isoflavonoide durch Spaltprodukte zu unerwünschten Östrogenüberschüssen führen könnten. Da man mit Hormonen grundsätzlich vorsichtig umgehen sollte, ist eine Überwachung durch den Heilpraktiker ohnehin angezeigt. Einseitige Ernährung oder eine überdurchschnittlich hohe Präferenz zu Sojaprodukten kann aus keiner Perspektive empfohlen werden. Menschen, die an einer Schilddrüsenüberfunktion leiden, ein erhöhtes Brustkrebsrisiko haben oder wegen veganer Ernährung ohnehin viele Sojaprodukte verzehren, sollten nicht unbedingt zusätzlich Kapseln mit isolierten Isoflavonoiden einnehmen. Eine realistische Risikobewertung kann derzeit nicht vorgenommen werden, weil seriöse und unabhängige Langzeitstudien fehlen.


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