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Die Geschichte der Diät

Wer hat sich eigentlich die Diät ausgedacht? Wer hat die erste Hungerkur durchgeführt? Und gab es damals schon den berühmten Jo-Jo-Effekt? Fast jeder Deutsche hat schon eine Diät hinter sich. Und nicht ganz zu Unrecht: Die Untersuchungen des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass etwa 41 Prozent der Frauen und sogar 58 Prozent der Männer an Übergewicht leiden. Tendenz steigend. Dem Gegenüber sind aber die wenigsten Diäten erfolgreich. Ob Low-Carb, Weight Watchers oder Brigitte-Diät – woher stammen diese Schlankheitskuren? Schon vor über 2000 Jahren wurde Diät gehalten und Low-Carb entstammt nicht der Neuzeit, sondern kam schon 1864 nach Deutschland.

Die Geschichte der Diät ist wie viele andere Geschichten eine Aneinanderreihung von Erkenntnissen, Widersprüchen und das Vergessen derselbigen. Wie auch die Mode wiederholen sich die Diät-Gewohnheiten. Doch: Diät ist ein Luxusgut. Nur wenn genügend Nahrung vorhanden ist, kann Frau in die Verlegenheit kommen, eine Diät machen zu müssen.

Von Ägypten über Griechenland bis zu den Römern: Die ersten Diäten in der Antike

Schmale Hüften und zarte Taillen wurden schon im vorchristlichen Ägypten besungen. Auch schon die Griechen glaubten, dass übergewichtige Menschen eher starben und fettleibige Frauen schwerer schwanger wurden. Und so ist es nicht verwunderlich, dass der berühmte Arzt des Altertums, Hippokrates von Kos, nicht nur die grundlegendste Formulierung ärztlicher Ethik zu verantworten hat (den Eid des Hippokrates), sondern auch die Schlankheitskuren. Er gab die ersten Ernährungstipps, empfahl leichte Kost im Sommer und viel Trinken in den Pausen. Seine erste Abnehmkur umfasste vier Wochen, eine fettreiche Ernährung, einen täglichen Spaziergang und sogar Erbrechen. Im Gegensatz zu den Griechen verfielen die Römer in absolute Völlerei: Wer dick war, war reich – die Frauen galten nur mit üppigen Rundungen als schön. Doch auch hier setzte sich die Diät durch: Galen aus Pergamon, ein Römer mit griechischen Wurzeln verordnete Laufkuren, Hungerzeiten und heilende Bäder. Auch in der traditionellen chinesischen Medizin finden sich erste Ernährungsgedanken bereits vor über zweitausend Jahren. Krankheiten heilte man hier seit eh und je mit Pflanzenmedizin, Akupunktur und Diäten.

Übergewichtige Frau

Übergewichtige Frau ©iStockphoto/AtnoYdur

Korsett, Rubensfigur und Wespentaille: Das Schönheitsideal im Wandel des Mittelalters

Der gesellschaftlichen Völlerei tat das Christentum Einhalt. Mit der Religion wurde auch die Körperlichkeit verpönt. Doch der Mangel an Essen bewirkte, dass gerade die Oberen sich die Bäuche zuschaufelten und die Unterschicht unter Hunger litt. An Diäten dachte in diesem Zeitalter kaum jemand. Stattdessen zupften sich die Frauen im 15. Jahrhundert ihre Haare am Haaransatz: Das Schönheitsideal war eine perfekte Stirn mit wohlgeformter Rundung. In der Renaissance kamen die Rundungen wieder hinzu: Schmale Frauen seien unfähig, Kinder zu gebären. Aus dieser Zeit stammt der erste Bestseller des Diätmarktes im Handel: Luigi Cornaro veröffentlichte in seiner Autobiografie „Vom maßvollen Leben“, dass er nur durch seine strenge Diät das stolze Alter von 83 Jahren erreichte. Der größte Widerspruch der Figur kam im Barock: Üppige Formen waren schön, doch angezogen sollten Damen die Wespentaille zeigen. Das Korsett kam in Mode, ebenso wie die Rubensfigur, benannt nach dem Maler Peter Paul Rubens. In der französischen Gesellschaft im 18. Jahrhundert stand Dicklichkeit gleich mit Intelligenz, schwache, blasse und in Ohnmacht fallende Frauen galten als verführerisch. Daher ist es nicht verwunderlich, dass ab etwa 1880 zahlreiche Diätrezepte Hochkonjunktur hatten. Ab der Jahrhundertwende wurde „fett“ mit „träge“ gleichgesetzt. Frau von Welt sollte zierlich und leicht sportlich sein – der Siegeszug der Diätkonzepte begann mit dem Aufkommen der Filmindustrie in Hollywood: Die ersten Massenmedien verbreiteten das derzeit herrschende Schönheitsideal. Aus dieser Zeit stammen heute gängige Diäten, wie beispielsweise die Low-Carb-Diät – veröffentlicht vom Bestattungsunternehmer William Bantin 1864 in seinem Bericht „Letter in Corpulence“. Bantin hatte angeblich innerhalb von einem Jahre über 23 Kilo abgenommen, indem er sich strikt an eine kohlenhydratarme Diät hielt.

Die Diät im letzten Jahrhundert: Wiederholung nach dunklen Kriegstagen

Um die Jahrhundertwende schien der Diätwahn kaum noch aufzuhalten zu sein. Wasserkuren, Milch- und Schrothkuren standen hoch im Kurs, ebenso badeten die Damen fleißig, um abzunehmen. Nach dem Ersten Weltkrieg verschlimmerte die Pariser Mode den Schlankheitswahn zunehmend: Jedes überflüssige Gramm Fett war in den engen Schnitten zu sehen. Mal waren es weniger Kohlenhydrate, mal weniger Fette, die die Damen zu sich nehmen sollten. Alle aufkommenden Konzepte waren zeitlich begrenzt unter ärztlicher Aufsicht, obwohl erste Gedanken aufkamen, dass nur eine dauerhafte Umstellung zur Traumfigur führen könnte. Diesem Schlankheitswahn boten zwei Ereignisse Einhalt: die Wirtschaftskrise in den USA und der Zweite Weltkrieg in Europa. Bis weit in die Sechziger Jahre verschwendete niemand mehr Gedanken an eine schlanke Figur.
Nach der dunklen Zeit wollten die Menschen wieder üppige Rundungen sehen: Marilyn Monroe verkörperte das gängige Schönheitsideal perfekt. Dem angesetzten Speck der Nachkriegsjahre wurde dann in den Siebziger Jahren wieder der Kampf angesagt. Nulldiäten und andere radikale Methoden kamen auf – Jo-Jo-Effekt und Nebenwirkungen bedachte kaum jemand. In den Achtzigern kam der Fitnesswahn auf: Arnold Schwarzenegger war der Vorreiter für die Männer dieser Epoche. In der Modewelt erreichten Topmodels Ikonenstatus, Frauenzeitschriften schossen aus dem Boden und die fettarme Ernährung wurde propagiert: „Apfel-Reis-Diät“ und „Brot-Diät“ standen ganz oben im Kurs. Mit immer dünner werdenden Modells auf dem Laufsteg kam auch „Low-Carb“ zurück in die Köpfe und wurde zum Ernährungstrend des neuen Jahrtausends. Viele folgen immer noch der schnellen Methode, Funde zu verlieren. Auch die Grapefruit-Diät ist dabei wieder ganz vorn, was sie 1920 schon einmal war.

Von Humbug und Irrglauben: Diäten aus vergangenen Tagen

Wie die verrückte Geschichte der Diät zeigt, gibt es nichts, was es nicht schon einmal gab. Doch so manche Abnehmkur erscheint so kurios, dass sie es wert ist, nicht vergessen zu werden. Dazu gehört zum Beispiel die Trink-Diät von Wilhelm der Eroberer. Bevor er England und die Damen der Insel erobern wollte, beschloss der Dickleibige im Jahr 1066, abzuspecken. Er verzichtete zwar auf Essen, doch das Hungergefühl betäubte er mit Unmengen von Wein. Aufgriffen wurde diese Methode übrigens im Jahr 1964 im Buch „The Drinking Man’s Diet“ von Gardener Jameson, Elliott Williams und Robert Cameron – ein Verkaufsschlager und Vorreiter der heutigen Atkins-Diät.

Die Zigaretten-Diät gehört auch auf die Liste der Kuriositäten. Der englische Dichter Lord Byron versuchte, seinen Hunger mit Unmengen von Kautabak zu betäuben. Die berühmte Tabakmarke „Lucky Strike“ warb mit der Kippe als Mittel gegen Süßigkeiten und auch Michelle Pfeiffer gestand eines Tages, dass ihre Diät aus Cola und Zigaretten bestanden habe. Ungesunde Erscheinungen inklusive. Aus der Hochzeit des Diätenwahns der 20er Jahre stammt die absurde Bandwurm-Diät. Abnehmwillige ließen sich damit infizieren, damit sie die Nahrung im Darm wegfraßen. Berühmtestes Beispiel dafür war Sopranistin Mario Callas. Manche versuchten, sich die überschüssigen Pfunde weg massieren zu lassen, andere probierten die Schwitzmethode. Eine Neuseeländerin verbreitete ihre Erfolgsmethode unter dem Namen Energy-Drink-Diät – zehn bis 15 Drinks täglich und die Pfunde purzelten. In Amerika werden die Pfunde seit der Fibel „Pray your weight away“ weg gebetet. Wer’s glaubt?!

Diät im Zeitalter der Technik und Forschung

Bis heute halten sich zahlreiche Diät-Mythen. Der neuste Trend aus 2011 – „Essen wie in der Steinzeit“. Fitness-Müsli, Light-Cola und Wellness-Wasser sind Verkaufsschlager und verschaukeln auch noch nach 2000-jähriger Diätgeschichte. Doch es gibt auch die wissenschaftliche Forschung, die mit immer mehr Ergebnissen das gesündere Verhältnis zur Ernährung vorantreibt. Die Technik kommt zu Hilfe – mit Ernährungs-Apps auf dem Handy. Durch Lebensmittelampel oder Quizspielen wird mit zahlreichem unnützen Wissen aufgeräumt.

Übrigens: Das Wort „Diät“ stammt von dem griechischen Begriff „diaita“ ab. Übersetzt heißt das „Lebensweise“.


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